Nina William Écrivaine

 

 


Eine etwas andere Weihnacht

Eine wahre Weihnachtsgeschichte


Vorweihnachtsfreude herrscht hier in meiner europäischen Heimat. In den Häusern werden Fenster und Türen festlich geschmückt und auf Tannenbäumen in Gärten brennen elektrische Kerzen, Kugeln und Sterne glänzen und glimmern in all ihrer Pracht. In den Küchen wird gebacken und Düfte von Orangen, Zimt und Lebkuchengewürz durchziehen die Wohnungen. Es ist Dezember. Weihnachtsmusik erklingt aus Häusern, aus überfüllten Strassen und Gassen und vom Weihnachtsmarkt her.

Kinder schreiben dem Weihnachtsmann riesig lange Wunschlisten. Am liebsten möchten sie alle Spielsachen haben, die sie in den verlockend geschmückten Schaufenstern und Geschäften entdecken. Alle Kinder haben zwar schon viele Spielsachen Zuhause. Vor langer Zeit haben sie ja damit gespielt und nun liegen diese im zeitgemäss eingerichteten Kinderzimmer in einer Ecke, vielleicht in einer Kiste, oder sonst im Keller oder auf dem Estrich. Deswegen müssen sie neue Spielsachen haben, unbedingt. Die kleine Susi von nebenan bekommt ja auch eine neue Puppe, eine die spricht, mit den Augen zwinkert, aufs Töpfchen kann und für die es im Geschäft auch den dazugehörenden Puppenwagen gibt. Und Robi bekommt das neueste ferngesteuerte Modellauto. So kann Robis Papa dann draussen spielen, während Robi an Papas Computer die Playstation ansteckt.

Wir warten nur noch auf den Schnee. Der gehört unbedingt zur Weihnacht. Genauso wie geschmückte Tannenbäume, unter dem viele liebevoll eingepackte Geschenke liegen. Und, wenn Lisa und Peter uns etwas schenken, dann müssen wir ihnen auch ein Geschenk parat haben. Nicht wahr?

Und spätestens am siebenundzwanzigsten Dezember klingt es so: Gott sei Dank ist das Weihnachtsfest vorbei, das war ja ein Stress….


Ich kenne aber eine ganz andere Weihnacht. Es war wohl die schönste und eindrücklichste, ja für mich die echteste Weihnacht, die ich erleben durfte. Und auch unsere drei Kinder haben jenes Weihnachtsfest nie vergessen.

Wir lebten damals im tropischen Afrika, der Heimat meines Mannes David. Zu dieser Zeit waren wir arm. Das Haus, in dem wir wohnten, stand in einem Garten mit drei Kokospalmen, einem Avocado- und Papayabaum. Es war der Monat Dezember, der Anfang der heissen Jahreszeit. Ein paar Tage lang hatten wir überhaupt kein Geld um Essen zu kaufen, und ernährten uns von den heruntergefallenen Kokosnüssen und Papaya. Aber um doch auch ein bisschen von Weihnachten zu träumen, spazierte ich mit den Kindern zum nahe gelegenen Supermarkt. In der Spielzeugabteilung betrachteten wir die extra für Weihnachten importierten Puppen. Meine zwei Mädchen bestaunten sie mit grossen Augen. „Oh Mama, die sind so schön!“ riefen sie aus. Aber sie wussten schon, dass wir vielleicht auch an Weihnachten nicht genügend Geld haben und keine Puppen unter dem Weihnachtsbaum liegen würden. Ich versprach ihnen, ihr Papa werde das Möglichste tun, damit sie beide eine Puppe zu Weihnachten bekommen, und auch ihr Bruder ein Spielzeug.

Ich habe immer wieder an Wunder geglaubt, und manchmal wurden sie auch wahr. Sicher würde es auch für diese Weihnachten ein Wunder geben. Was wäre denn Weihnachten ohne Wunder?

 

David betrieb eine Gemüseplantage mitten im Urwald, viele Kilometer von unserem Wohnort entfernt. Zwei Mal in der Woche kam er in die Stadt um seine kleine Ernte zu verkaufen. Mit dem Erlös kaufte er für uns Essen ein.

Doch am vierundzwanzigsten Dezember am Morgen gab es kein Geld, weder für Essen, noch für Geschenke. Ich war traurig, weil ich mein Versprechen nicht einhalten konnte. David und ich überlegten, welcher von unseren Bekannten in der Lage war, uns ein wenig Geld auszuleihen. Wir dachten an einen Freund, den wir einmal bei uns beherbergten, als wir noch in Europa lebten.

„Sicher wird er uns helfen“, meinte David und begab sich auf den Weg, diesen Freund aufzusuchen. Ein paar Stunden später kam er zurück, unser Freund hatte ihm ein wenig Geld gegeben, genügend, um Fisch, Reis und Bananen, die beiden Puppen und ein Spielzeug für unseren vierjährigen Sohn zu kaufen.

Während ich den künstlichen Weihnachtsbaum schmückte, sagte David zu mir: “Ich begegnete Robert. Seiner Familie geht es noch schlechter als uns. Sie haben kein Geld für Geschenke und Essen, und Robert hat niemanden gefunden, der ihm zu Weihnachten aushelfen kann.“

Wir überlegten einen Moment. Das Geld, das wir bekommen hatten, reichte gerade für die Geschenke für unsere Kinder und das Weihnachtsessen. Geld konnten wir unseren Freunden also schon keines geben, und das Essen würde auch nicht für weitere fünf Personen reichen. Doch es gab eine Möglichkeit, damit auch unsere Freunde Weihnachten feiern konnten. Wir fanden, unsere Kinder sollten entscheiden.

Wir erzählten ihnen von Roberts Familie. Wir fragten sie: „Was wollen wir machen, Weihnachten feiern mit gutem Essen und Geschenken, oder Roberts Familie zum Weihnachtsessen einladen, aber dann reicht es nicht mehr für die Puppen und ein Spielzeug für Nicola.“

Unsere Älteste, Rebecca, war erst zehn Jahre alt, Naomi acht und Nicola viereinhalb.

Sie dachten nicht lange nach. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und Liebe bedeutete für sie Geben.

So konnten wir genug Fisch, Reis und Bananen kaufen, und Roberts Familie zu uns einladen. Auf dem künstlichen Tannenbaum brannten goldene Lichter. Unsere Tochter Rebecca las aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vor, und wir sangen alle zusammen „Stille Nacht, heilige Nacht…“

Es wurde eine Wunder-volle Heilige Nacht, und mir schien, als hätten die Lichter des Weihnachtsbaumes noch nie so sehr geleuchtet.

Es lagen keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Jedoch waren wir noch nie so reich beschenkt worden.

Geben ist das schönste Geschenk, das wir erhalten können.  

Von Herzen wünsche ich euch allen eine Weihnacht voll Freude, Friede und Wunder.

Eure Nina William