Nina William Écrivaine

 


 

 Das Spiel des Spielers

 

Sie begegnete ihm in Baden auf dem Bahnsteig. Der Zug war noch nicht da. Aus dem Lautsprecher ertönte eine Frauenstimme: „Der Zug nach Zürich, planmäßige Abfahrt um 18.13 Uhr, hat eine Verspätung von dreißig Minuten. Wir danken Ihnen für ihr Verständnis.“

Sie seufzte. Immer diese Warterei wegen Verspätungen.

„Da haben wir ja noch Zeit, Kaffee zu trinken. Darf ich Sie einladen?“

Sie blickte auf und sah erstaunt ins lachende Gesicht eines viel jüngeren, schwarzhaarigen Mannes.

„Meinen Sie mich?“

„Ja natürlich, es stehen ja nur wir zwei hier. Kommen Sie doch, wir haben dreißig Minuten Zeit.“

 

Sie wusste nicht, was sie dazu trieb, einem Unbekannten zum Kaffeetrinken zu folgen, lief aber neben ihm her bis zum Café am Anfang des Bahnsteigs. Er setzte sich ihr gegenüber und bestellte zwei Café crème. Sie sahen einander unentwegt an.

 „Sie sind unglücklich, das sehe ich in Ihren Augen.“

„Sind Sie Hellseher?“ fragte sie.

„Nein, Berufsspieler.“

„Berufsspieler? Von so einem Beruf habe ich noch nie etwas gehört!“, antwortete sie und lachte.

„Ich lebe vom Spielen. In Casinos. Oder an Spielautomaten.“

„Das glaube ich Ihnen nicht. Sind Sie nicht Reporter?“ So sah er aus. Als käme er von einer Reportage über eine Steingrube. Mit staubigen Schuhen und verschmutzten Jeans, einem alten, grauen Sweater, zerzausten Haaren, und einer großen schwarzen Tasche.

Er grinste, zog an seiner Zigarette und schaute sie mit seinen stahlblauen, durchdringenden Augen an: „Nein, aber war ich mal, ist schon lange her.“

Sie fand ihn nicht schön, aber unwiderstehlich. Ein längst vergessenes Gefühl stieg in ihr hoch. Das Gefühl, als Frau zu existieren. 

 „Ich bin Charly.“

Sie zögerte. Sie konnte irgendeinen Namen nennen, sehen würde sie ihn doch nicht mehr. Aber sie sagte: „Isabella“.

Der Zug fuhr ein.

 „Wir müssen gehen“, sagte er, „wie weit fahren Sie?“

„Bis Zürich.“

„Fahren wir zusammen?“

Sie nickte.

Die Reise dauerte fast zwanzig Minuten. Sie sprachen kaum. Er schaute sie nur immer an, und sie lächelte verlegen. In Zürich gab er ihr ein Kärtchen mit seiner Handynummer: “Sie können mich anrufen, wenn Sie wollen“, drehte sich um und ging davon.

 

Am nächsten Abend stand sie um die gleiche Zeit in Baden auf dem Bahnsteig. Ob sie Charly wieder sehen würde? fragte sie sich. Er kam nicht.

Zuhause drehte sie das Kärtchen zwischen den Fingern hin und her und griff nach langem Zögern zum Telefon. Seine Stimme war umwerfend. So männlich. Zärtlich.

Sie bedankte sich für den Kaffee. Das war nur ein Vorwand. Sie musste ihn einfach wieder sehen.

Da fragte er: „Würden Sie mit mir zu Abend essen?“

„Oh, äh… ja gerne.“

„Ich bin im Hotel Beaulieu, ich erwarte Sie dort um zwanzig Uhr.“


Isabella stand unschlüssig vor dem Kleiderschrank und entschied sich dann für den Zweiteiler in altrosa. Sie hatte nur eine halbe Stunde Zeit bis zum Rendezvous. Sie puderte das Gesicht, zog den Lippenstift nach und betupfte sich mit ihrem Lieblingsparfum. Sie war bereit. Zum Hinfahren nahm sie das Tram. Sie würde gerade rechtzeitig dort sein. Das Beaulieu, ein nobles Hotel. War sie auch chic genug angezogen, fragte sie sich, und grübelte darüber nach, ob Charly wohl in Anzug und Krawatte daherkam.

 

Charly erwartete sie in der Empfangshalle. Nein, kein Anzug, keine Krawatte. Nur dunkle Jeans und ein offenes, hellblaues Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln.

Er sieht verdammt gut aus, durchzuckte es Isabella.

Charly begrüßte sie mit einem charmanten Lächeln und führte sie in den Speisesaal, wo er einen Tisch in einer Nische reserviert hatte, umgeben von Grünpflanzen. Eine diskrete Ecke, und romantisch.

Sie bestellten beide „Entrecòte Café de Paris mit Pommes Duchesse und Gemüse. Dazu einen französischen Rotwein.

Charly begann, Isabella auszufragen. Sie schwebte auf Wolken und fühlte sich geschmeichelt, dass ein junger, charmanter Mann sich für sie interessierte. Hatte sie doch noch eine Chance in der Liebe? Gehörte sie noch nicht zum alten Eisen?

Sie plauderte munter drauflos. Er nickte und lächelte immerzu. Als sie ihm sagte, sie arbeite bei einer Schweizer Großbank, bemerkte sie nicht, wie er leicht stutzte.

Der Kellner brachte den Kaffee. Isabella schaute auf die Uhr.

„Ich habe mehr als eine Stunde über mich erzählt, jetzt sind Sie dran!“ meinte sie.

Charly schaute sie ernsthaft an: „Ich erzähle nie etwas über mich.“

„Sie kennen mein halbes Leben, und sie wollen nichts über sich erzählen? Das verstehe ich nicht.“ Sie schüttelte enttäuscht den Kopf.

„Es dauert bei mir lange, bis ich etwas von mir erzähle. Mein Leben ist ja auch nicht so interessant. Meine Eltern sind früh gestorben, sie haben mir nichts hinterlassen, und so musste ich mich mit sechzehn durchs Leben schlagen. Ein paar Jahre später arbeitete ich als Reporter bei einem privaten Radiosender.“

„Also doch Reporter!“, fiel sie ihm ins Wort.

„Ja, aber das ist schon lange her, und dauerte nur kurze Zeit. Die Gage war nicht sehr bedeutend, reichte nicht zum Leben. Durch Zufall bin ich in einem Casino gelandet. Seither spiele ich.“ 

Isabella schwieg, aber sie dachte: Jetzt hat er doch etwas von sich preisgegeben.  

Sie plauderten noch lange weiter, und Isabella fand, Charly war, trotz seinem Charme, ein einsamer, liebesbedürftiger junger Mann, der das Spielen satthatte, und sich nach einer stabilen Beziehung sehnte.

 

Charly hatte sich den ganzen Abend amüsiert. Isabella hatte so viel über sich erzählt. Er wusste, sie war die Frau, die er suchte.

Als sie sich verabschiedeten, schaute Charly ihr tief in die Augen.

Isabella wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Doch sie gab ihm nur die Hand, bedankte sich für den schönen Abend und stieg in das Taxi, das er für sie bestellt hatte.

 

Am nächsten Tag schwebte Isabella wie auf Wolken und hatte Mühe, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie wollte Charly wieder sehen. Er hatte nichts davon gesagt, sich nur mit einem „Gute Nacht“ verabschiedet. Sie wartete den ganzen Abend auf einen Anruf. Doch das Handy schwieg. Seufzend fiel sie auf ihr Bett, eine Träne netzte ihre Wange, enttäuscht schlief sie ein.

Am folgenden Morgen nahm sie sich vor, sich besser auf ihre Arbeit zu konzentrieren und machte sich verbissen daran, alle Dossiers durchzuarbeiten, die vor ihr lagen. Für das Mittagessen holte sie sich ein Sandwich und eine Cola, und arbeitete weiter.

Abends zuhause starrte sie lange Zeit auf das Handy. Was war nur mit ihr los? Sie war neunundvierzig und er mindestens zehn Jahre jünger! Seit ein paar Jahren schon lebte sie allein, nachdem David sie nach fünfzehn Jahren Ehe für eine andere Frau verlassen hatte. Isabella sehnte sich nach Zärtlichkeit, nach jemandem, der sie aus ihrer Einsamkeit herausholte. Zitternd wählte sie Charlys Nummer.

„Hallo Isabella“, antwortete eine verdammt männliche Stimme.

Sie bedankte sich nochmals für den Abend, den sie mit ihm hatte verbringen dürfen, es sei wirklich sehr schön gewesen, sagte sie zu ihm und hoffte, er würde dasselbe empfinden.

Er antwortete: „Ja, es war ein interessanter Abend mit einer charmanten Frau.“   

Er fragte sie, ob sie zu ihm käme. Sie sagte einfach ja.

 

Nach dieser Nacht antwortete er nicht mehr auf ihre vielen Anrufe. Jeden Abend versuchte sie, ihn zu erreichen. Sie hörte immer die übliche Phrase, gesprochen von Charlys Stimme, die ihr Herz schneller schlagen ließ: „Hier ist Charly, im Moment bin ich nicht zu erreichen. Hinterlassen Sie doch bitte eine Nachricht, ich rufe Sie zurück.“

Wochen vergingen, und es kam kein Rückruf. Sie war sich über ihre Dummheit bewusst, doch sie bereute nichts. Es war eine schöne Nacht gewesen.

 

An einem Donnerstag, Isabella schlenderte im Warenhaus durch die Abteilung Damenwäsche, klingelte das Handy.

„Du bist hartnäckig, wenn du verliebt bist“, berieselte eine tiefe, zärtliche Stimme ihren zitternden Körper. „Wenn du mich sehen willst, ich bin in Luzern.“ Er nannte ihr den Namen eines Hotels in der Nähe des Bahnhofs.

Isabella betrachtete das Nachtkleid, das vor ihr am Ständer hing. Sie wollte schön sein für ihn. Sie wollte ihn verführen. Noch nie hatte sie so etwas verspürt. Früher war sie eher verklemmt gewesen, was ihr David nur zu oft vorgeworfen hatte. Verträumt strich sie über den Stoff, ging in die Kabine und zog es an. Im Spiegel lächelte ihr eine nicht mehr ganz junge, aber attraktive Frau entgegen, in einem kurzen, über die Knie reichenden Nachtkleid aus türkis farbigem Satin mit eingesetzten Spitzen an der Brust. Schmale Träger schmeichelten ihrer Schulter. Türkis passte gut zu ihren schokoladebraunen Haaren und den grünen Augen.

Zuhause zog sie ihr schönstes Kleid an und fuhr zu ihm. Es wurde wieder eine schöne Nacht. Nachher sahen sie sich öfters. Immer nachts. Und in Hotels. Charly sagte nicht zu ihr: Ich liebe dich. Er nannte sie nur Schätzchen. Sie liebte das. Er erzählte nichts von sich, und sie stellte keine Fragen. Für Isabelle zählte nur der Augenblick.

Einmal sagte er zu ihr: „Heute habe ich beim Spielen alles verloren. Ich kann das Hotel nicht bezahlen. Kannst du mir aushelfen? Du bekommst das Geld zurück, wenn du wiederkommst.“

Sie bezahlte mit ihrer Kreditkarte. Schon wieder eine Dummheit, doch sie hatte Mitleid mit ihm. Und Vertrauen. So viel, dass sie ihm auch noch zwei Hunderter in die Hand drückte.

„Danke Schätzchen“, flüsterte er ihr ins Ohr.

 

Von nun an folgte sie ihm jeden freien Tag. Er war ständig irgendwo anders. Er reiste, immer mit dem Zug, quer durch Europa. Sie begleitete ihn nun oft auch tagsüber.

In Deutschland stand sie zum ersten Mal mit ihm an einem Spielautomaten. Während er spielte, wurde er ganz rot und zog nervös an seiner Zigarette. Als er plötzlich „Bingo“ rief, zuckte sie zusammen. Dann kollerten unaufhörlich Münzstücke aus dem Automaten. Er schaute sie an: „Du bringst mir Glück Schätzchen, das sind zweihundert Euro. Jetzt haben wir wieder Geld. Das reicht für das Hotel, das Abendessen, und morgen für den Zug. Gehen wir noch anderswo hin, heute ist unser Glückstag!“

Isabella war müde. Aber Charly wollte nichts davon wissen.

„Komm, wir können noch mehr gewinnen.“

Er zog sie in eine Bar. Isabella setzte sich auf einen Hocker, trank Orangensaft und schaute Charly am Spielautomaten zu. Sie fühlte sich nicht wohl inmitten vieler schöner junger Frauen, und fragte sich, was sie eigentlich hier zu suchen hatte. Charly aber schaute nie die anderen Frauen an. Er blickte nur auf den Automaten. Und gewann wieder. „Schätzchen, du bist mein Glücksengel.“

Charly wusste genau, was sie brauchte: einzigartig sein.

 

Einmal nur sagte Charly: „Ich liebe dich.“ Sie glaubte es. Sie liebte ihn. War verrückt nach ihm. Sie lebte und arbeitete nur noch für ihn. Sie reisten durch Europa. Monatelang jedes Wochenende und während Isabellas Sommerferien. Von Casino zu Casino. Von Spielautomat zu Spielautomat. Sie gewannen. Und verloren. Isabella bezahlte dann das Hotel, die Reisen, das Essen.

 

Es kam der Tag, da hatte sie kein Geld mehr, dafür Schulden. Mit der Miete war sie zwei Monate im Rückstand und die Stromrechnung der letzten sechs Monate war nicht bezahlt. Sie riskierte eine Unterbrechung der Stromzufuhr und die Kündigung ihres Mietvertrages. Beim Arbeiten war sie gedankenabwesend und nervös. Ihr Chef machte sie darauf aufmerksam: „Ihre Leistungen haben sehr nachgelassen, Sie sind aggressiv, nervös und übermüdet. Das muss sich ändern, wenn Sie ihren Platz nicht verlieren wollen!“ Doch sie fuhr weiterhin jedes Wochenende zu Charly.

 

Immer öfters verlangte Charly Geld von ihr. Wenn sie ihm sagte, sie hätte keines mehr, wurde er böse. Er zwang sie, Geld aufzutreiben. „Du arbeitest in einer Bank“, sagte er zu ihr, „du bekommst sicher einen Kredit! Und du hast Freunde und Bekannte. Dich lässt sicher niemand im Stich.“

Doch das wollte Isabella nicht. Isabella wollte überhaupt nicht mehr. Sie wollte von Charly loskommen, aufhören mit diesem Leben, welches sie zu vernichten drohte. Sie begriff nicht, warum er sich so verändert hatte. Wo war er geblieben, der liebenswürdige Charly? Charly, der ihr Liebesnächte schenkte, die sie sich früher nur im Traum hatte vorstellen können. Charly, der so lustig sein konnte, dass sie das Lachen wieder gefunden, welches sie längst verloren geglaubt hatte, der sie an der Hand nahm, wenn sie durch die Straßen liefen und ihr zärtlich seinen Arm über ihre Schultern legte, wenn er neben ihr saß! Charly, der ihr Herz Trommeln schlagen ließ, wenn seine Stimme nachts durch das Telefon drang!

Isabella schwor sich, nichts mehr von ihm wissen zu wollen. Aber dann war da wieder seine zärtliche Stimme. Und sie fuhr wieder zu ihm.

 

Charly starrte dem letzten Nachtzug nach, bis die roten Schlusslichter im Dunkel der Nacht verschwunden waren. Sie war weg. Sie wollte schon lange weg. Doch sie würde ihm nicht entrinnen. Auch diesmal nicht. Das wusste er. Nur, wie er das schaffen würde, wusste er nicht. Noch nicht. Als die immer kleiner gewordenen roten Punkte ganz in der Nacht verschwunden waren, strich er seine schwarze Mähne aus dem Gesicht, drehte sich um und suchte nach dem Warteraum. Irgendwo musste er ja den Rest der Nacht verbringen. Ins Hotel konnte er nicht, sein Geld war alle, und ihre Kreditkarte hatte sie ihm weggenommen. Verdammt noch mal, wie hatte sie das geschafft? Das gefiel ihm an ihr, sie war schlau. Fast so schlau wie er.

 

Mit dem Fuß stieß er die Warteraumtür auf und schob leere Bierdosen und zerschlagene Weinflaschen von sich. „Scheiße, das stinkt ja hier!“ sagte er. Auf der einen Bank lag ein Mann. Charly setzte sich ihm gegenüber, zündete eine Gauloise an und betrachtete ihn. Wohl kein Clochard, viel zu nobel, mit Lackschuhen und einem Samsonite-Koffer!

 „Haben Sie den Zug verpasst?“ fragte Charly.

Keine Antwort. Der schlief, mit dem Gesicht gegen die Wand. 

Der Regenmantel, mit dem er sich zugedeckt hatte, rutschte auf den Boden. Charly nahm ihn auf und sein Blick fiel auf die Etikette: Christian Dior. Er pfiff durch die Zähne.

Mit geübten Blicken suchte er den Raum nach Kameras ab. Nichts. Schon möglich, auf so einem kleinen Bahnhof. Hier glaubten die Menschen wohl noch an eine heile Welt. Nun griff er blitzschnell in die hintere Hosentasche des Typen und zog den schwarzen Geldbeutel heraus.

„Soll ich deinen Koffer auch noch mitnehmen?“ sagte er dann verächtlich, ließ ihn aber stehen und verließ den Warteraum. Schnell weg von hier! Nur nicht auffallen. Den Mantel unter den Arm geklemmt, den Geldbeutel in der Hosentasche, musste er sich zuerst in Sicherheit bringen bevor er seine Beute durchsuchen konnte. Eigentlich interessierte ihn nur das Geld. Den Geldbeutel würde er nachher irgendwo in den Abfall schmeißen. Er verließ den Bahnhof und verschwand im Dunkel der Nacht.

 

Isabella fuhr auf. Das Rattern des Zuges brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie blickte durch das Fenster. Der Morgen graute. Bald würde sie in München sein. Dort musste sie umsteigen. Sie fror und zog ihre Jacke über die Schultern. Ihr war grauenhaft elend. Endlich war sie ihn los, diesen Mistkerl.

Ich werde es schaffen bis nach Hause zu kommen, dachte sie, er hat kein Geld, nicht einmal den Schein von den eingestellten Koffern hat er, und meine Kreditkarte hat er auch nicht mehr. Ich will nach Hause. Weg von diesem Scheißleben!

Sie hatte genug von Casinos und Spielautomaten, von verrauchten Bars und schlaflosen Nächten, vom stetigen Reisen durch ganz Europa, wobei sie ohnehin immer nur Bahnhöfe, Casinos und Hotels kennen lernte.

Sie verfluchte den Tag, an dem sie diesem Schurken begegnet war. Mehr als ein Jahr lang hatte sie sich nun von diesem Typ ausbeuten lassen.

Zugegeben, anfangs war sie sehr verliebt gewesen. Doch nun war sie am Ende. Sie war nicht mehr in ihn verliebt. Nein, sie hasste ihn und hatte Angst vor ihm. Sie hatte ihr Vermögen, beinahe ihren Arbeitsplatz, und die Achtung vor sich selbst verloren.

Sie hatte nur noch einen Gedanken: Nach Hause fahren und dann direkt zur Polizei gehen.

 

In München musste sie warten. Der nächste Zug nach Zürich fuhr erst in vier Stunden. Am Bahnhof gab es mehrere Restaurants und Imbissecken. Müde ließ sie sich in einem davon nieder, trank Kaffee und aß ein Sandwich. Ihr schien, als krebse der Zeiger der Bahnhofuhr ungewöhnlich langsam vorwärts. Sie kämpfte mit dem Schlaf und rauchte ihre letzten Zigaretten. Sie hatte kein Geld mehr, die Kreditkarte holte nichts mehr aus dem Geldautomaten, das Handy war leer, und ihr Koffer auf einem kleinen Bahnhof in der Nähe von Wien in der Gepäckverwahrung! Ihr blieb die Handtasche mit ihren Papieren, dem Hausschlüssel und der Fahrkarte. Endlich war es Zeit. Sie ging auf den Bahnsteig. Es war ein langer Zug. Beim Einsteigen blickte sie zurück. Charly war nirgends zu sehen. Sie fand noch einen Fensterplatz, machte es sich bequem, und noch bevor der Zug abgefahren war, schlief sie ein.

 

Ein regelmäßiges „tarara tarara tarara“ begleitete sie über wunderschöne blumige Wiesen. Sie breitete ihre Arme aus und erhob sich in die Lüfte, kreiste um einen weißen Felsen dem Himmel zu. Plötzlich fiel sie. Hinunter in ein schwarzes Loch. Weiter, immer weiter. Doch dann kam ihr ein Engel entgegen, eingehüllt in einen Mantel und auf seinen schwarzen Haaren eine Schirmmütze.

„Fahrkarte bitte!“ sagte der Engel. „Ihre Fahrkarte bitte!“

Sie schreckte auf und blickte in das strenge Gesicht des Schaffners. Verwirrt nestelte sie in der Handtasche nach ihrer Fahrkarte.

„Danke!“ sagte der Schaffner, knipste ein Loch in das Papier und ging weiter. Sie schloss wieder die Augen und lehnte sich seufzend zurück. Sie war müde. Sehr müde. Der Engel kam wieder. Diesmal hatte er keine Schirmmütze auf. Nur einen Mantel an.

 „Schätzchen“, hörte sie den Engel sagen, „hast du wirklich geglaubt, du würdest mir entrinnen? Komm, wir müssen aussteigen, da steht der nächste Zug nach Amsterdam!“