Nina William Écrivaine

 

Ich schreibe gerne Kurzgeschichten. Ich liebe es, viel in einen kurzen Text zu packen. Dabei kommt es mir vor wie beim Rucksack oder Koffer packen, möglichst viel mitnehmen, ohne zu überfüllen.

 

Der Augenblick

Bitte warten Sie einen Augenblick. Und ich warte. Kostbare Minuten meines Lebens. Unser Leben ist ausgefüllt von Augenblicken.

Augenblicke, an denen wir warten. Augenblicke, an denen wir fröhlich sind, andere, an denen wir weinen, leiden, traurig sind. Augenblicke, die unser Leben bereichern, andere, die uns sinnlos erscheinen. Doch sinnlos ist keiner. Jeder Augenblick ist gefolgt von einem nächsten. Sie fügen sich zusammen wie Puzzleteile zum Puzzle unseres Lebens.

Ein Augenblick ist viel mehr als ein Zeitfenster unseres Lebens, er kann unser Schicksal bestimmen. Wenn Blicke von zwei paar Augen sich begegnen, da können sich zwei Leben verändern, zwei Menschen sich finden. Es können aber auch hasserfüllte Augen Blicke sein, die uns zutiefst aufwühlen.

So hat der Augenblick den Sinn von Zeit, aber auch von Sehen. In einem Augenblick können wir mit einem Augen Blick etwas sehen und erleben, das unser Leben bereichert, verändert.

Der Augenblick ist verewigt, er ist ein winziger Teil unseres Lebens und selbst wenn er vorüber ist, er wird bleiben, als Erinnerung verankert in unserem Gedächtnis und in unseren Gefühlen.

So mein Herr, hier ist Ihr Koffer. Das macht fünf Franken bitte. Ich bezahle, nehme meinen Koffer und gehe. Weiter zu neuen Augenblicken.

Nina William 2019



Der Weg, den du noch gehen musst

Lebe in Frieden, las ich einmal irgendwo. Es war gerade zu der Zeit, als mich hier alles ankotzte. Verzeihen Sie mir, lieber Leser, diesen Ausdruck, aber ich finde keinen anderen. Alles ging schief, meine Ehe, Probleme im Job, das Geld war auch bachab gegangen und ich fühlte mich in jeder Beziehung ausgelaugt. Lebe in Frieden. Ja, wo war das denn, dieses „Frieden“? Ich suchte auf der Landkarte. Ich suchte und suchte und fand es nicht. Vielleicht sollte ich einfach drauflos fahren? Eine Freundin antwortete mir auf meine Frage, ob sie wisse, wo Frieden genau liege und wie viele Kilometer es bis dorthin wären, sie wisse es nicht, aber es müsse sehr weit weg sein.
Ich machte mich auf den Weg. Viele Kilometer hatte ich schon hinter mich gebracht, viele Menschen befragt, aber Frieden hatte ich noch nicht gefunden. Niemand wusste, wo Frieden war. Manche antworteten mir, sie hätten auch schon danach gesucht. Vergeblich.
Aber ich wollte nicht aufgeben. Schliesslich war doch da gestanden: Lebe in Frieden. Und das wollte ich finden, um jeden Preis, Frieden.
Ich fuhr weiter und weiter. Von einem Land zum anderen. Und überall fragte ich nach Frieden. Die Menschen schüttelten immer den Kopf. „Frieden?“, fragten sie, „wo haben Sie davon gehört?“
Das begann ich mich auch zu fragen. Wo hatte ich nur davon gehört? Doch ich war überzeugt, irgendwo auf dieser Welt musste es Frieden geben. Ich musste dieses Irgendwo finden. Es war zu wichtig für mich. Lebensnotwendig.
Auf dem langen Weg der Suche nach Frieden begegnete ich einer alten Frau. Sie ging langsam, gebückt an einem Stock, der Strasse entlang. Ich hielt an. Dann stand ich vor ihr. Sie hob den Kopf. „Gegrüsst seist du, mein Kind“, sagte sie und lächelte mich an. Sie war alt, sehr alt. „Was suchst du denn hier?“, fragte sie mich, „du scheinst schon lange auf Reisen zu sein, du siehst müde aus.“
„Ich suche Frieden. Wissen Sie, wo ich Frieden finde?“ fragte ich sie, einen Hoffnungsschimmer in meinem Herzen spürend. Diese alte Frau musste es doch wissen.
„Ja, mein Kind, ich weiss es schon, ich bin auf dem Weg dahin. Und ich werde bald dort sein. Aber für dich ist der Weg noch sehr, sehr weit. Für dich ist die Zeit noch nicht gekommen. Geh zurück, dorthin, woher du kommst. Dort ist ein Weg, den du noch gehen musst, lange bevor du Frieden finden kannst.“

Nina William 2010

 

Der Weg des Lebens

Ich laufe und laufe auf dem steinigen Weg des Lebens, immer in der Hoffnung, mein Ziel zu erreichen. Manchmal ist es greifbar nahe, doch dann komme ich wieder vom Weg ab. Falle hinunter die Böschung, reibe mir die Hände auf, und die Knie. Immer rappele ich mich wieder auf, um zurück auf den Weg zu kommen. Manchmal werde ich vom Wind gestossen. Er bläst in meinen Rücken und ich komme schneller vorwärts. Vorbei an fruchtbarer Erde, vorbei an zerstörten Wäldern. Vorbei an Wasser. Dem Elixier des Lebens. Wasser, welches aber auch den Tod bringen kann. Vorbei an wunderschönen Häusern, vorbei an elenden Hütten.
Ich laufe und laufe, ohne Ruhe. Ruhe darf ich mir nicht mehr gönnen. Dazu habe ich keine Zeit mehr. Vorwärts, nur vorwärts. Und wie dankbar bin ich dem Wind, wenn er mich schneller weiterträgt.
Er flüstert mir verführend zu: „Komm mit mir. Mit mir kommst du schnell voran.“
Und dann breitet er seine Flügel um mich und ich fliege mit ihm durch das Leben.
Doch, er trägt mich so hoch durch die Lüfte, ich kann den Weg meines Lebens nicht mehr sehen.
„Ich habe meinen Weg verloren“, klage ich, „lass mich frei“.
„Oh nein, das werde ich nicht“, sagt er nur, höhnisch lächelnd.
„Was habe ich getan! Warum habe ich mich von dir verführen lassen!“
Sein Lächeln wird zu einem grausamen Lachen, seine Flügel verzerren sich, ein Zischen und Pfeifen dringt durch die Luft und ich falle. Doch wunderbar weiche Flügel fangen mich auf.
„Keine Angst“, höre ich ein Flüstern, „ich bringe dich auf den Weg zurück.“
„Wer bist du?“, frage ich erstaunt.
„Ich bin der Gegenwind, ich bin hier, um Menschen wie dich zur Vernunft zu bringen. Sieh doch, wie du vom Weg abgekommen bist. Du wolltest schneller gehen und dir keine Zeit nehmen. Ruhelos jagst du nach deinem Ziel. Doch dein Ziel kannst du nur erreichen, wenn du Schritt für Schritt vorwärts gehst.“

Nina William 2014